Carolus Therme Aachen
Presse Carolus Thermen Aachen
Quelle: Aachener Zeitung
Die Chronik der Therme: Vor 15 Jahren fing alles an
Aachen. Das Thema Therme füllt Aktenordner. Und zwar nicht nur die, mit denen sich jetzt angesichts explodierender Kosten beim Bau das Rechnungsprüfungsamt beschäftigt. Auch im Archiv der Aachener Zeitung zeigt sich: Es gibt über fast 20 Jahre hinweg kaum ein Thema, über das mehr Zeilen zu Papier gebracht wurden.
Angesichts der jüngsten Vorkommnisse - und angesichts des finanziellen Desasters auch für die Stadt mit voraussichtlich fast sechs Millionen Mark Zuschuss für das erste Jahr - lohnt sich ein Blick in die Annalen des Großprojektes. AZ-Redakteur Stephan Mohne hat in Sachen Therme eine "Lesestunde" eingelegt und die Archivalien bemüht.
Hier ein chronologischer Abriss der Debatte, der Beschlüsse, des Streits, der Realisierung und der noch ungeklärten Fragen. Mitte der 80er Jahre sprudeln erstmals die Ideen für ein "neues Freizeit-Thermalbad großzügigen Stils". Stellen wir die Zeitmaschine also auf das Jahr 1986 ein und starten dort die thermale Spurensuche:
Mai 1986: Ein Gutachten der Kur- und Badegesellschaft (KuBa) ist zu dem Schluss gekommen, dass ein neues Thermalbad auf dem Grundstück des Kaiserbades nicht möglich ist. Die KuBa schlägt vor, ein solches Projekt an anderer Stelle zu realisieren und das Römerbad dann zu schließen. CDU und Teile der SPD signalisieren Zustimmung. 40 Millionen soll das Projekt kosten und nach CDU-Ansicht im Kurpark Monheimsallee platziert werden. Bei 1000 Besuchern werde sich das Bad rechnen, heißt es schon damals.
November 1986: Der Aufsichtsrat will nicht nur einen Privatinvestor für den Bau, sondern auch einen privaten Betreiber. Die KuBa will die Therme selbst betreiben. Kurdirektor Werner Schlösser dazu: "Man sollte das der KuBa zutrauen." Kämmerer Manfred Fuchs befürchtet Zusatzkosten, die er nicht verantworten will.
30. Dezember 1986: Die "Aachener und Münchener"-Versicherung bekundet großes Interesse, die Therme zu bauen. Die KuBa soll doch Betreiberin sein.
28. Januar 1987: Die SPD verlässt im Rat ihre gemeinsame Linie mit der CDU und stimmt gegen den Bau einer Therme. Der Grund: Der Standort soll an der Passstraße sein - und dort müssten möglicherweise zwei Mietshäuser abgerissen werden. Die Grünen lehnen den Bau generell ab, sehen in dem Projekt ein "Luxusbad gegen Manager-Stress".
Juni 1987: Der erste Architektenplan liegt vor. Kurdirektor Werner Schlösser: "So könnte es gebaut werden." Ein privater Investor soll die Therme hochziehen, die KuBa könnte sie dann mieten. Von 1200 nötigen Besuchern täglich ist die Rede. Die Kosten sollen nun bei rund 42 Millionen Mark liegen.
9. Dezember 1987: Der Grundsatzbeschluss für die Therme fällt mit den Stimmen der CDU, auch der größte Teil der SPD stimmt zu. Städtische Mittel sollen nicht in das Projekt fließen.
Mai 1988: Wer baut die Therme? Im Gespräch ist jetzt ein Verbund von Stadtsparkasse und Westdeutscher Landesbank.
10. November 1988: SPD-Mann Dieter Schinzel will der KuBa die Planungen aus der Hand nehmen und sorgt dabei auch in eigenen Reihen für Ärger. Aufsichtsratsvorsitzender Dieter Philipp (CDU) spricht von einer Reihe interessierter Investoren. Die Stadt werde nach Fertigstellung des Baus "keinen Pfennig" draufzahlen müssen.
September 1989: Die Stadt will das Projekt ohne private Hilfe von außen durchziehen. 15 Millionen Mark sollen vom Land kommen, der Rest über Kredite finanziert werden. Bei 1050 Besuchern - diese Zahl wird sogar als pessimistisch eingestuft - soll das Bad den Haushalt nicht belasten. Es liegt ein neuer Entwurf vor. Baubeginn soll im September 1990, Eröffnung Anfang 1993 sein.
Oktober 1990: Der anvisierte Baubeginn verschiebt sich. Ob die benötigten 15 Millionen Mark vom Land kommen, ist ungewiss. Die SPD macht ihre Zustimmung davon abhängig. Detailplanungen liegen vor. 45 Millionen Baukosten werden taxiert. Kurdirektor Werner Schlösser rechnet vor: Sieben Millionen Mark könnten im Jahr eingenommen werden. Für die Stadt sei das Projekt "kostenneutral".
November 1990: Oberstadtdirektor Dr. Heiner Berger flattert ein Schreiben aus dem NRW-Wirtschaftsministerium auf den Tisch. Die Therme in Aachen werde bei der Verteilung von Fördermitteln nur auf einem hinteren Rang landen. Das Projekt rückt in weite Ferne, gilt sogar schon als beerdigt.
Februar 1992: Der neue SPD-Fraktionschef Heiner Höfken - gleichzeitig KuBa-Aufsichtsratsvorsitzender - geht in die Offensive und greift die Thermenidee neu auf. Der bisherige Grundsatzbeschluss der Sozialdemokraten - Bau und Betrieb nur durch einen Privaten, der "volkstümliche" Preise garantieren soll - müsse überdacht werden.
Auch die Grünen steigen in eine monatelange interne Diskussion ein. Die Fraktion spricht sich für eine Therme aus. Eine Mitgliederversammlung kippt diesen Beschluss später wieder.
28. Oktober 1992: Der Rat gibt ein Gutachten zur Wirtschaftlichkeit der Therme beim Hamburger Büro "Wenzel und Partner" in Auftrag. Vehement argumentiert FDP-Mann Georg Helg dagegen: "Da sich bisher kein privater Investor gefunden hat, kann man davon ausgehen, dass die Therme nicht wirtschaftlich sein wird."
Juli 1993: Das alles entscheidende - auch heute noch zitierte - Gutachten liegt vor und besagt: Bei 55 Millionen Mark Baukosten, getragen von einem privaten Investor, werde die Therme bei 418 800 Besuchern im ersten vollständigen Betriebsjahr und einem durchschnittlichen Umsatz von 25 bis 30 Mark pro Gast finanzierbar sein. Die Gutachter rechnen damit, dass täglich minimal 1200 Gäste kämen, glauben aber, dass mehr zu erwarten seien. Nach fünf Jahren werde die Therme schwarze Zahlen schreiben. Zitat: "Mittel- und langfristig bestehen Chancen, durch ständig Anpassung an die Gästewünsche, verbunden mit einer professionellen marktorientierten Betriebsführung, ein zusätzliches Gästepotenzial zu gewinnen."
August 1993: Eine endgültige Kostenrechnung steht noch aus, aberdie meisten Politiker in der Stadt sind begeistert vom Gutachten. Die SPD-Spitze vollzieht den Kurswechsel, spricht sich für die Therme aus. Heiner Höfken: "Ich persönlich bin überzeugt, dass wir mit schwarzen Zahlen rechnen können." SPD-Kollege Claus Haase fügt hinzu: "Es darf zu keiner Belastung des städtischen Haushaltes kommen."
Oktober 1993: Bei einem außerordentlichen SPD-Parteitag in Burtscheid geht es heiß zu. Wird die Parteibasis der Therme zustimmen? Nach heftigen Debatten tut sie es - mit 49 Ja- gegen 31 Nein-Stimmen. Die FDP spricht sich - wie die Basis der Grünen - wegen der Risiken nochmals gegen das Projekt aus. Auch Investoren scheinen so etwas zu befürchten - es gibt niemand, der einsteigen will.
26. März 1994: Im "Handelsblatt" erscheint eine große Anzeige, in der mit Zahlen aus dem Gutachten "ein Betreiber oder ein Investor mit Betreiber" gesucht wird. Acht Meldungen gibt es, zwei davon kommen überhaupt nur in Frage - aber diese wollen keine Therme, sondern eher eine Art "Spaßbad" bauen. Jetzt soll die KuBa selbst ran.
4. Mai 1995: CDU und SPD stimmen erneut für die Therme. Die Obergrenze der Baukosten wird bei 61,5 Millionen Mark festgezurrt. Es heißt, in sechs Jahren sei man bei "niedrig gegriffenen 1000 Besuchern pro Tag" in den schwarzen Zahlen.
Februar 1996: Der Münchener Architektur-Professor Rudolf Wienands erhält den Planungszuschlag und meint: "Mit dieser Therme wird Aachen nicht irgendeines unter den 251 deutschen Heilbädern sein, sondern die Nummer eins." Thermengegner machen mobil, fassen ein Bürgerbegehren ins Auge. Werner Schlösser spricht von "falschen Zahlen, Polemik und unfairen Methoden". Die Gegner halten die kalkulierte Besucherzahl für unrealistisch. Die Stadt müsse massiv zuschießen. Der KuBa-Chef widerspricht: 6,3 Millionen Mark Zuschuss werde insgesamt in den ersten acht Jahren benötigt.
Juli/Oktober 1996: Der Architekt legt Pläne, dann ein Modell der "Carolus-Thermen" vor, das später noch einmal überarbeitet wird. Die Gesamtkosten von 61,5 Millionen Mark sollen gehalten werden. Die Rede ist jetzt von 1040 Besuchern am Tag und acht Millionen Zuschuss in den ersten acht Jahren.
Januar/Februar 1998: Wienands legt einen geänderten Entwurf vor. Im Februar werden 40 Bäume gefällt und ein Haus abgerissen. Der Thermenbau hat begonnen.
2. September 1998: Der Grundstein wird offiziell gelegt.
11. Juni 1999: Richtfest wird gefeiert. Die Baukosten liegen nach Berechnungen immer noch im Soll von 61,5 Millionen Mark.
17. November 1999: Der Generalplaner "Complan" ist pleite. Werner Schlösser schafft es zusammen mit dem neuen bauleitenden Architekten, Peter Pütz, die Therme nicht zur Bauruine werden zu lassen.
Oktober 2000: Der Aufsichtsrat verabschiedet den Wirtschaftsplan für das erste Thermenjahr. Er fußt auf 1150 Besuchern täglich, die im Schnitt 23 Mark ausgeben sollen.
30. Januar 2001: Werner Schlösser erklärt dem Aufsichtsrat, die Therme werde zehn Millionen Mark teurer als vorgesehen. Schlösser bezeichnet die Summe als absolutes Maximum an Mehrkosten. Die Begründungen sind schlüssig. Die Stadt übernimmt Bürgschaften für die zusätzlichen Kredite.
9. Februar 2001: Nach 15 Jahren Hin und Her, Hü und Hott: Die "Carolus-Thermen" werden mit einigen Monaten Verspätung feierlich eröffnet.
24. April 2001: Eher durch Zufall haben Aufsichtsratsmitglieder erfahren, dass der Bau voraussichtlich nochmals um fünf Millionen Mark teurer wird. Das Rechnungsprüfungsamt wird eingeschaltet, um das "Warum" zu klären - und, ob es sich diesmal um das "Maximum" handelt. Werner Schlösser bleibt vorerst Geschäftsführer der KuBa.
3. Mai 2001: Der Aufsichtsrat tagt jetzt im Abstand von wenigen Tagen. Laut Werner Schlösser liegen die laufenden Kosten der Therme nur 400 000 Mark höher als kalkuliert. Allerdings ist noch unklar, wie die Einnahmenseite in den ersten Monaten aussieht.
8. Mai 2001: Schlösser legt dem Aufsichtsrat ein neues Papier vor. Die Einnahmen sind - hochgerechnet aufs ganze Jahr - deutlich niedriger als kalkuliert. Nur 900 Gäste kommen im Schnitt in die Therme und geben weniger Geld aus. Ergo: Womöglich muss die Stadt für das laufende Jahr fast sechs Millionen Mark - statt der im Etat vorgesehen 1,4 Millionen - zuschießen. Zur Erinnerung: Sechs Millionen sollten eigentlich für die ersten acht Jahre reichen.
Ausblick: Kommenden Mittwoch trifft sich wieder der Aufsichtsrat, um über einen neuen Wirtschaftsplan zu beraten. In der Woche darauf hat OB Jürgen Linden eine Gesellschafterversammlung einberufen. Am 30. Mai berät der Stadtrat. Im Juni wird der erste Bericht des Rechnungsprüfungsamtes erwartet - je nach Ergebnis will die Politik auch über die Position des Geschäftsführers reden.
11.05.2001
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